Intergenerationelles Lernen bei Gänsen – auch als politische Fabel

2025-09-06 12:58:00

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Die Svalbard-Population der Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) stand in den letzten Jahrzehnten vor einem Problem, das ihre Zukunft bedrohte. Auf dem langen Flug in die Brutgebiete sind die Tiere am Ende der Reise dringend auf frisch sprießendes Gras angewiesen. Dieses Gras liefert die Energie, die sie für die letzten Flugkilometer und für eine erfolgreiche Brut brauchen. Durch die Erderwärmung kommt der Frühling in der Arktis früher. Schnee und Vegetation verschieben sich, und an gewohnten Rastplätzen war das Gras oft schon zu weit fortgeschritten. Damit drohte die entscheidende Nahrungsquelle zu fehlen – und mit ihr der Bruterfolg der ganzen Population.

Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus)
Abbildung 1: Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) – frei nutzbar (Wikimedia Commons, CC0).
Forschung und Ergebnis Wissenschaftler:innen um Madsen et al. (2023) zeigten: In nur rund zehn Jahren veränderte die Population ihre Zugroute und erschloss ein neues Brutgebiet auf der Insel Nowaja Semlja. Ein derart schneller Wandel bei einer ganzen Tierpopulation ist selten dokumentiert. “Here, we document both the abrupt (∼10 years) formation of a new migration route and a disjunct breeding population … almost 1,000 km away … We propose that social behavior of geese … is key to this fast development and acts as a mechanism enabling ecological rescue in a rapidly changing world.” (vgl. Madsen et al. 2023) Fußnote (dt. Übersetzung): „Hier dokumentieren wir sowohl die abrupte (ca. 10 Jahre) Bildung einer neuen Zugroute als auch einer abgetrennten Brutpopulation … fast 1.000 km entfernt … Wir schlagen vor, dass das Sozialverhalten der Gänse … der Schlüssel zu dieser schnellen Entwicklung ist und als Mechanismus wirkt, der eine ökologische Rettung in einer sich rasch verändernden Welt ermöglicht.“ Soziale Intelligenz der Gänse Von antiken Quellen über Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“ bis zu Konrad Lorenz werden Gänse als sozial aufmerksame, sensible Tiere beschrieben. Die aktuelle Forschung bestätigt: Sie reagieren fein aufeinander und lernen über Generationen voneinander. Rollen von Jung und Alt • Die Jüngeren: Suchende und Pioniere – sie probieren Neues aus, gehen Risiken ein. • Die Älteren: Erfahrung und Autorität – gerade weil ihnen andere folgen, können sie neue Wege festigen und verbreiten. Aus dem Zusammenspiel von Mut und Offenheit entstand so eine Lösung für die ganze Population. Bedeutung für uns Menschen Die Geschichte der Kurzschnabelgans ist kein Märchen, sondern ein belegtes Forschungsergebnis. Sie lässt sich aber wie eine Fabel lesen: Sie zeigt, wie wichtig es ist, dass Generationen einander zuhören und vertrauen. Junge bringen Neues, Ältere prüfen und geben Rückhalt – gemeinsam entsteht Bewegung. Für uns Menschen heißt das: Offenheit der Erfahrenen für Innovation, Mut der Jüngeren für neue Wege – und vor allem gegenseitiges Vertrauen aller Generationen zueinander. Nur wenn dieses Vertrauen da ist und alle Altersgruppen einander ernst nehmen, kann Anpassung gelingen – in Organisationen, in der Gesellschaft und angesichts ökologischer Veränderungen. Quintessenz Die Gänse zeigen, was möglich ist: In wenigen Jahren passte sich eine ganze Population an neue Bedingungen an. Das ist harte Wissenschaft – und zugleich eine Einladung: Auch wir können lernen, uns auf Veränderungen einzustellen, wenn wir Offenheit und Vertrauen zwischen den Generationen leben.
Weißwangengänse (Branta leucopsis)
Abbildung 2: Weißwangengänse (Branta leucopsis), frei nutzbar (Wikimedia Commons, CC0).
Quellenangaben – Abbildung 1: Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) – frei nutzbar (Wikimedia Commons, CC0). – Abbildung 2: Weißwangengänse (Branta leucopsis) – frei nutzbar (Wikimedia Commons, CC0).